Rezension: Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft

Vom Lesen der Berge

Cover: Independent Verlage am konzentrierten Buchmarkt

»Die Alpen sind keineswegs von Natur aus schön«, sagt Werner Bätzing, emeritierter Professor für Kulturgeografie an der Universität Erlangen-Nürnberg und wohl einer der besten Kenner der Alpenregion. Über sein Forschungsgebiet hat er unzählige Arbeiten verfasst, der aktuelle Band erschien erstmals 2005. Für die erweiterte Neuausgabe hat der Autor den Text neu erstellt und drei Viertel der Bilder ausgetauscht. Entstanden ist ein Überblickswerk für alle, die gern in die Berge gehen. Eine Anleitung zum Lesen von Alpenlandschaften.

Wie gehen Menschen früher und heute mit Natur um? Welche Konsequenzen haben bestimmte Naturveränderungen durch den Menschen? Wie ändert sich das Erleben von Natur? All das soll dieser Band zeigen, heißt es im Vorwort. Bätzing will nicht den Ist-Zustand einer Landschaft dokumentieren, sondern durch Bildauswahl und ‑komposition die aktuelle Situation der Alpen versteh- und erfahrbar machen. Denn hier zeige sich das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt in seiner gesamten Bandbreite »von Nicht-Eingriffen und Veränderungen über Aufwertungen bis hin zu Zerstörungen so anschaulich wie nirgendwo sonst in Europa«.

Im ersten Kapitel, »Was sind die Alpen?«, werden die drei populärsten Bilder beschrieben, die unsere Wahrnehmung der Alpen prägen:

• schrecklich-bedrohlich: schon aus römischer Zeit tradiert und bis ins 18. Jahrhundert hinein vorherrschend
• schrecklich-schön: Idylle als Voraussetzung für die Entstehung des Bergtourismus
• nützlich: seit den 1970er-Jahren zunehmend Kulisse für Freizeitzwecke und Körpererleben

Bätzing möchte dazu anregen, das eigene Bild der Alpen zu hinterfragen und frei von bekannten Klischees die Besonderheiten dieser Region zu betrachten.

In »Die Natur der Alpen« geht es um die sechs wichtigsten Aspekte aus naturwissenschaftlicher Sicht: Das junge, bogenförmige Hochgebirge aus mehreren parallelen Ketten ist 1200 Kilometer lang; es gliedert sich nach Gesteinsarten in Großlandschaften; Wasser und Eis wirken als Landschaftsgestalter; die Alpen sind Regenfänger und Wasserspeicher; Wälder prägen die Vegetation im Naturzustand und »sprunghafte Naturdynamik« kennzeichnet den ständigen Wandel der Landschaften. Diese Merkmale machen die Alpen einzigartig in Europa.

Das nächste Kapitel über »Traditionelle Kulturlandschaften« ergänzt und erweitert die naturwissenschaftliche Sicht. Der Autor stellt das Eingreifen des Menschen dar, das bereits mit der frühen Besiedelung ab 6000 v. Chr. begann. Ackerbau, Viehzucht und Bergbau wurden betrieben, und gegen die Phänomene sprunghafter Dynamik wie Bergstürze, Muren, Lawinen etc. entwickelte man wirksame Strategien: Bannwälder, Ausweichen vor Gefahren, kleinräumige Gestaltung der Nutzungsflächen, maßvolle Nutzung, Pflege- und Reparaturarbeiten.

Als Charakteristikum aller alpinen Kulturlandschaften bildete sich die vertikale Staffelung heraus mit der Hauptsiedlung im Tal und einer räumlich wie zeitlich versetzten Vielfalt an Nutzungen in den höheren Lagen, um die Versorgung sicherzustellen. Dabei bestanden grundsätzliche Unterschiede zwischen Altsiedelräumen im Süden mit einer Siedlungskontinuität seit der Römerzeit, in denen der Ackerbau eine wichtigere Rolle spielte, und Jungsiedelräumen. Diese liegen am Nordsaum der Alpen und in den östlichen Ostalpen, sie waren zur Römerzeit eher dünn besiedelt, dann erst wieder ab dem 7./8. Jahrhundert. Hier überwog die Viehwirtschaft, Produktivität und Siedlungsdichte waren geringer, der Waldanteil höher.

»Wer in den Alpen Landschaften lesen gelernt hat, der wird schnell weitere Unterschiede entdecken […]. Und die Vielfalt der traditionellen Kulturlandschaften dürfte in den Alpen auch heute noch so groß sein, dass ein Menschenleben nicht ausreicht, sie zu erfassen und zu verstehen.«

Im Abschnitt über Transitwege, Bergbau, Marktorte und Städte wird deutlich, dass die Alpen keineswegs ein traditionell rein bäuerlicher Lebensraum sind, vielmehr waren sie schon früh in europäische Arbeitsteilungen eingebunden. Auch die religiöse Gestaltung der Landschaft zeigt enge Verflechtungen mit der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte. Es handelte sich hier selbst lange vor Einsetzen der Moderne nie um eine archaische, abgeschlossene Selbstversorgerwelt.

Das Thema »Modernisierung« nimmt breiten Raum ein. Ab 1950 werden die Alpen zur Problemregion. Viele Faktoren tragen dazu bei, etwa die wachsende Verkehrserschließung. Sie macht die meisten Alpentäler zu Sackgassen; während vorher Saumwege an 300 Stellen die Alpen überquerten, sind es nun nur noch etwa 30 Fahrwege. Die landwirtschaftliche Nutzfläche hat sich seit 1880 etwa um die Hälfte reduziert; im traditionellen Staffelsystem gehen Zwischenstufen verloren, Kleinräumigkeit und Artenvielfalt nehmen ab.

Die Entwicklung von Gewerbe und Industrie begünstigt eine Konzentration auf gut erreichbare Alpentäler, dezentrale Wirtschaftsstrukturen verlieren an Bedeutung. Gleichzeitig erfasst der Tourismus nach und nach alle gesellschaftlichen Schichten. Bätzing zeichnet die verschiedenen Phasen nach, etwa die Stagnation ab 1985, als Globalisierung und Pauschaltourismus das Interesse an den Alpen schwinden lassen, und den Ausbau des Sommertourismus ab Mitte der 2000er-Jahre. Doch er betont, dass der Tourismus keine Schlüsselbranche ist, hier gibt es insgesamt nur 15 bis 18 % der Arbeitsplätze, vor allem in den bekannten Regionen. Der Autor setzt sich dafür ein, kleine touristische Strukturen als Gegengewicht zu stärken.

Doppelseite aus Bätzing, Die Alpen


Ein Abschnitt ist den Alpenstädten als Wachstumszentren gewidmet. Einige davon haben sich seit 1980 zu Wohnregionen für die außeralpinen Metropolen entwickelt. Insgesamt machen Stadtregionen derzeit in den Alpen 27 % der Fläche aus mit zwei Dritteln der Bevölkerung und drei Vierteln aller Arbeitsplätze.

Zum Gesamtbild gehören auch die Charakteristika der Alpen als »Wasserschloss« Europas sowie die Entwicklung des Naturschutzes. Seit 1914 der erste Nationalpark der Alpen im Unterengadin gegründet wurde, hat es vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren große Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen und Umweltschützern um Neubauprojekte gegeben. Doch die Gegensätze zwischen beiden Gruppen schwinden allmählich; ab 2000 etablieren sich Kulturlandschaftsschutz und Wildnisentwicklung als einander ergänzende Naturschutzstrategien. Heute sind 28 % der Alpenfläche als Schutzgebiete ausgewiesen, in vielen verbindet sich Naturschutz mit umweltverträglichem Wirtschaften.

Im letzten Kapitel über die »Aktuelle Situation und Zukunft der Alpen« versucht der Autor, ein realitätsnahes Resümee zu ziehen. Es fällt nicht gerade positiv aus.

Als Ergebnis der Modernisierung sind Verstädterung und Zersiedlung der gut erreichbaren Teilräume gegenüber Pendler- und Entsiedelungsregionen unübersehbar. In den peripheren Lagen, vor allem an der Alpensüdseite, verfallen Tausende Orte. Die Folgen der Klimaerwärmung (beschleunigte Gletscherschmelze, häufigere sprunghafte Naturereignisse) und der menschlichen Veränderungen der Alpen (Intensivnutzung, Geländeplanierung, Bodenversiegelung) verschärfen die Probleme.

Während einerseits ungenutzte Flächen verwalden und kleinräumige Landschaftsstrukturen verschwinden, entstehen andererseits Outdoorparks, Funcenter, spektakuläre Freizeitattraktionen, mit denen »gegen Geld auf Knopfdruck scheinbar perfekte Erlebnisse produziert« werden: »ein ›Tourismusghetto‹, aus dem die Alpen eigentlich ausgeschlossen sind«. Die Alpen werden bestenfalls nur noch als Kulisse, Hindernis oder Störfall wahrgenommen, mahnt Bätzing.

Er fordert, zum respektvollen Umgang mit der vorgefundenen Natur und ihren Gefahren zurückzukehren, gewachsene kulturelle Identitäten zu pflegen statt globaler Normen und Werte ohne Bezug zu den Menschen.

Sein Szenario sieht die Aufwertung der Alpen als dezentraler Lebens- und Wirtschaftsraum vor, basierend auf den wertvollen Ressourcen in Form von regionstypischen Qualitätsprodukten. Dazu braucht es den Aufbau von Wertschöpfungsketten von der Gewinnung über die Verarbeitung bis hin zu Marketing und Vertrieb. Wie das konkret aussehen kann, wird angerissen. Voraussetzung ist aber, so Bätzing, dass die Alpenstaaten sich ihrer Verantwortung für die Randgebiete stellen und die dortigen Infrastrukturen erhalten und fördern. Und dass einheimische den außeralpinen Wirtschaftskräften mindestens gleichgestellt werden, entsprechend seiner Leitidee der »ausgewogenen Doppelnutzung«. Die internationale Alpenkonvention biete dafür die geeignete Struktur, sie ermögliche es, die Interessen der verschiedenen Alpenregionen zu bündeln.

Als »großen Reichtum« sieht der Autor an, dass sich bereits zahlreiche lokale und regionale Initiativen für die alpinen Ressourcen gebildet haben. Sie müssten aber miteinander vernetzt und deutlich ausgeweitet werden, damit die kleinräumigen, vielfältigen Kulturlandschaften mit ihren alpenspezifischen Lebens- und Wirtschaftsformen fortbestehen. Genau diese abwechslungsreiche, durch den Menschen geprägte Gestaltung macht nach Bätzing die Schönheit der Alpen aus.

Mit seiner klaren Struktur eignet sich dieser Text-Bild-Band sehr gut als Einstieg in eine genauere Betrachtung vertrauter Alpenmotive. Er vermittelt auch ein Best-of aus vier Jahrzehnten Forschungsarbeit des Autors, der Theologie studiert und eine Ausbildung zum Buchhändler gemacht hatte, bevor er sich der Geografie zuwandte. Manches aus dem Inhalt mag sich wiederholen oder allzu verkürzt dargestellt sein, auf jeden Fall weckt die Lektüre Lust auf mehr.

 

Werner Bätzing
Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft
wbgTheiss, Darmstadt, 2018
Hardcover, fadengeheftet, mit Schutzumschlag, 22 x 29 cm
216 Seiten, 228 Abbildungen, 2 Karten
ISBN 978-3-8062-3779-5, 38,00 Euro

 

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