Streit um Russlands Zukunft
Turgenjew und Dostojewski in Baden-Baden
Am 10. Juli 1867 trafen in Baden-Baden zwei Großmeister der russischen Literatur aufeinander, Iwan Turgenjew und Fjodor Dostojewski. Sie hätten unterschiedlicher nicht sein können. Und sie verkörperten einen Konflikt, der weit über ihre Zeit hinausweist und auf fatale Weise bis in die Gegenwart reicht: der ideologische Gegensatz zwischen Westlern und Slawophilen in Bezug auf Russlands Zukunft – Anbindung an Europa oder Rückbesinnung auf traditionelle Werte. Grund genug, an ihren Streit vor 159 Jahren zu erinnern.
Baden-Baden als russischer Sehnsuchtsort
Das Kurbad im Schwarzwald war im 19. Jahrhundert zur europäischen Bühne geworden. Wer etwas auf sich hielt, machte im Sommer hier Station, genoss Pariser Flair verbunden mit dem Charme der Provinz. Auch aus dem Russischen Imperium kamen Aristokraten, Diplomaten und Künstler, angezogen und abgestoßen zugleich von der Mischung aus Glücksspiel, Kulturerleben und bürgerlich-aufgeklärtem Klima. Dieser Ort vermittelte eine Idee von Europa, die sich aus dem kulturellen Austausch und der Vielfalt seiner Einflüsse nährte. Gleichzeitig stand er bei konservativen Kräften im Ruf der Lasterhaftigkeit und republikanischer Umtriebe. Noch heute hat der Name Baden-Baden in Russland einen Beiklang von Verheißung und Dekadenz.
Zwei Schriftsteller, zwei Russlandbilder
Iwan Turgenjew wohnte zeitweise in Baden-Baden, er hatte in Berlin studiert, beherrschte mehrere Fremdsprachen, stammte aus reichem Haus, verstand sich als Kosmopolit. Fjodor Dostojewski dagegen kam aus kleinen Verhältnissen; in jungen Jahren hatte er einen ersten großen Bucherfolg, danach erlebte er eine dramatische Lebenswende und wurde »vom Revolutionär zum staatsfrommen Patrioten«. Im Sommer 1867 in Baden-Baden versuchte er verzweifelt, sich am Roulettetisch aus seiner prekären finanziellen Lage zu retten.
Als die beiden Schriftsteller zusammentrafen, standen sich nicht nur zwei Persönlichkeiten gegenüber. Es begegneten sich zwei Russlandbilder. Während Turgenjew für die Modernisierung nach westlichem Vorbild eintrat, betonte Dostojewski eine eigenständige russische Entwicklung, getragen von Tradition, Religion und moralischer Überlegenheit über den »verfaulten« Westen.

Ein Besuch, zwei Versionen
An jenem Julitag 1867, einem Mittwoch, kommt es zur berühmten Begegnung zwischen den beiden ungleichen Männern. Das Gespräch findet um die Mittagsstunde statt, über den Ablauf gibt es unterschiedliche Versionen. Dostojewski macht dem Kollegen seine Aufwartung, weil er ihm Geld schuldet und es noch nicht zurückzahlen kann; Turgenjew befindet sich gerade beim Frühstück. Die dortige Szene wird den Besucher noch lange beschäftigen und sogar Eingang in einen seiner großen Romane finden.
Wie Dostojewski später in einem Brief an einen Freund schreibt, geht es in dem Streit um das Verhältnis zwischen Russen und Deutschen, die angebliche zivilisatorische Überlegenheit des Westens und die Ziele der Slawophilen. Turgenjew habe furchtbar über Russland und die Russen geschimpft, ereifert sich Dostojewski. Er spricht dem andern jedes »Gespür für Russland« ab, wirft ihm seinen Atheismus vor und nennt ihn schließlich einen »russischen Verräter«.
Turgenjew erhält Kenntnis von diesem Brief. Er verwahrt sich gegen die Darstellung und erklärt: »[Dostojewski] saß nicht länger als eine Stunde bei mir, und nachdem er sein Herz mit heftigen Schmähungen gegen die Deutschen, gegen mich und mein letztes Buch erleichtert hatte, verließ er mich; ich hatte kaum Zeit und keinerlei Lust, ihm zu widersprechen«. Was sein Besucher für die Nachwelt aufgeschrieben habe, müsse dessen zerrütteter Fantasie entsprungen sein
Eine Kontroverse mit langen Schatten
Die beiden Kontrahenten trennten sich im Streit und gingen sich künftig aus dem Weg. Erst viele Jahre später trafen sie wieder aufeinander: bei der feierlichen Enthüllung des Puschkin-Denkmals im Juni 1880 in Moskau. Beide hielten eine mit großer Spannung erwartete Festrede, und hier zog Turgenjew, zumindest in der Gunst des Publikums, den Kürzeren.
Dostojewski appellierte an die »europäischen Brüder«. Sie verstünden die russische Seele nicht, würden das russische Volk misstrauisch und von oben herab betrachten. Und er rief voller Pathos: »Ach, die Völker Europas wissen gar nicht, wie lieb sie uns sind!«
Das Publikum jubelte. Auch Turgenjew konnte sich dem rhetorischen Schwung der Rede nicht entziehen, aber es kam zu keiner Versöhnung zwischen den beiden, wie es auch keine Annäherung zwischen den unterschiedlichen ideologischen Strömungen im Vielvölkerstaat gab.
Die Frage nach Russlands Verhältnis zu Europa wird heute anders gestellt. Doch die aktuelle antiwestliche Rhetorik lässt sich unschwer auf althergebrachte Denkmuster zurückführen, wie sie auch Dostojewski vertrat.
Einladung zur Lektüre
Mehr über diese spannende Begegnung erzähle ich in meinem Buch Verheißung und Dekadenz. Baden-Baden und die russische Literatur im 19. Jahrhundert. Ich zeige, welche Rolle Turgenjews kurz vorher erschienener Roman Rauch dabei spielte und wie Dostojewski die Frühstücksszene in eines seiner bedeutendsten Werke einbaute – als aberwitzige Parodie.

Marion Voigt, Verheißung und Dekadenz
Baden-Baden und die russische Literatur im 19. Jahrhundert
Biografische Skizzen, Freiburg, 2. Auflage, 2025
Gebunden mit Lesebändchen, 228 Seiten, mit Abbildungen, 24 Euro
ISBN 978-3-910228-07-8
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