Rezension: Eberhard Hilscher, Maestros Himmel- und Höllenfahrt
Verspätetes Frühwerk
Gerade finden noch die 150. Bayreuther Festspiele statt, da kommt die Lektüre dieses Musikerromans gerade recht. Auch wenn Richard Wagner darin nur eine Nebenrolle spielt. Denn es geht um Robert und Clara Schumann.
Auftakt in Dresden
Ende 1843 ist Wagner gerade Kapellmeister in Dresden, als Robert Schumanns Oratorium Das Paradies und die Peri im Hoftheater aufgeführt wird. Das ganze erste Kapitel ist diesem Wohltätigkeitskonzert gewidmet, die Lesenden erleben den Abend aus Sicht Wagners, der die Musik kritisch kommentiert und das Werk des ihm noch nicht persönlich bekannten Kollegen Schumann mehr und mehr zu schätzen weiß.
Kein leichter Einstieg in den Roman mit den zahlreichen teils exaltierten Figuren im Publikum und auf der Bühne. Das zweite Kapitel ist nicht weniger anspruchsvoll. Über fast 50 Seiten erstreckt sich die Beschreibung der anschließenden Abendgesellschaft bei Hofrat Carl Gustav Carus mit gelehrten Gesprächen und galanter Konversation. Im Mittelpunkt stehen Clara und Robert Schumann. Es tritt die narrengleiche Figur des Putjatin auf, ein geheimnisvoller ukrainischer Fürst, der vor der Unterdrückung im Zarenreich geflüchtet ist. Als bekannt wird, dass Schumanns eine Konzertreise dorthin planen, soll er von Russland berichten. Aber er beschränkt sich auf »spöttische Andeutungen und fabulöse Gleichnisreden«, spricht von Zar Nikolaus als »Pharao Niklas« und von Spitzeln, Henkern und Gendarmen.
Auf Schumanns Spuren durch Russland
Nun nimmt die Erzählung buchstäblich Fahrt auf. Die Winterreise mit dem Schlitten über Riga nach Dorpat und schließlich nach Petersburg und Moskau macht mit knapp 190 Seiten den weitaus größten Teil des Romans aus. Es ist eine Freude, dem Ehepaar zu folgen, wie sie von Honoratioren hofiert, von Studenten verehrt werden, Bauern und Bediensteten begegnen. Claras umjubelte Auftritte als Pianistin werden einfühlsam beschrieben, man hört förmlich die Musik. Währenddessen versucht Robert, zu komponieren, er kränkelt, die Ehe kriselt, Robert neidet seiner Frau den Erfolg.
Was die beiden unterwegs erleben, erinnert manchmal an Astolphe de Custines Buch über seine Russlandreise 1839 (ersch. 1843). Hilscher breitet eine Fülle an (kultur-)historischen Details und Alltagsbeobachtungen aus, kunstvoll verbunden mit biografischen Fakten zum Leben der Schumanns. Das ist unterhaltsam zu lesen, etwa wenn der Zar als lächerliche Figur mit seinen Höflingen zur Morgengymnastik antritt oder Robert auf einsamen Spaziergängen Moskau entdeckt und über das Los der Textilarbeiter und die Leibeigenschaft reflektiert. Ihn überkommt eine Vorahnung kommender revolutionärer Aufstände, was zugleich auf das letzte Kapitel vorausweist.
Gelegentlich klingen Reverenzen an die zu erwartende zeitgenössische Leserschaft in der DDR an. Der Roman sollte 1960 erscheinen. So werden zum Beispiel die »erfreulichen deutsch-russischen Kulturbeziehungen« bemüht, oder ein patriotischer Offizier führt begeistert durch den Kreml, nur leise relativiert durch die Skepsis von Clara und Robert.
Aufstand und Melancholie
Die Reise dauert vier Monate. Nach der Rückkehr der Schumanns und einem Zeitsprung von fünf Jahren geht es im letzten Kapitel um den Dresdner Maiaufstand 1849. Putjatin tritt wieder auf. Er beschäftigt sich gerade mit der »Einebnung der Stände« durch die Erschaffung eines neuen Menschentyps, »einem Stamm vernünftiger, kunstbegabter Geschöpfe«, als die Nachricht vom Ausbruch der Revolution kommt. Erfreut bricht er seine Experimente ab. Während Barrikaden gebaut werden, nachdem der König samt Ministern geflüchtet ist, bringen sich Clara und Robert außerhalb der Stadt in Sicherheit. Die Unruhen, in die auch Richard Wagner verwickelt ist, enden mit einer blutigen Niederlage der Aufständischen.
Der Roman schließt mit dem nach Dresden zurückgekehrten Robert Schumann. Dieser arbeitet voller Schaffensfreude an Fausts Verklärung. Eindrücklich beschreibt der Autor die Arbeit an der Komposition; in der letzten Szene zeigt er Schumann bereits überschattet von »künftiger geistiger Umnachtung«.
Musik, Ironie und eine (Wieder-)Entdeckung
Hilscher folgt den biografischen Spuren seiner Protagonisten entlang von musikalischen Werken und bindet Gespräche mit Zeitgenossen wie Mendelssohn Bartholdy oder Glinka mit ein. Das ist faszinierend zu lesen. Gleichzeitig ist der Roman voller skurriler Episoden und ironischer Brechungen, die einen wohltuenden Gegensatz zu der getragenen Grundstimmung bilden.
Immer wieder steht die Musik im Vordergrund, aber es gibt auch wunderbare Naturbeschreibungen, etwa über die beginnenden weißen Nächte oder das Wasser auf der Newa, bald »glatt und trübe wie Milchglas, bald längs- oder quergewellt, hier dunkel glänzend wie Quarz, dort grünlich schillernd wie nasse Wiesen«.
Es ist spürbar, dass der Autor sich innerhalb des offiziellen Rahmens der Literaturpolitik in der jungen DDR bewegt. So wird einerseits das zaristische Regime kritisch betrachtet, andererseits das kulturelle Erbe des späteren »sowjetischen Brudervolks« gewürdigt.
Diese Reminiszenzen verblassen jedoch angesichts der vorzüglichen Sprache, die über manche langatmigen Passagen hinwegträgt.
Eberhard Hilscher (1927–2005) verfasste den Roman innerhalb weniger Monate. Das geplante Erscheinen 1960 bei Rütten & Loening platzte, angeblich wegen der Lektorin. Statt zu Schumanns 150. Geburtstag wurde das Buch nun zu dessen 170. Todestag veröffentlicht. Über die Hintergründe und das Leben des Autors erzählt Volker Oesterreich in seinem Nachwort.
Der 2023 in Heidelberg gegründete Flur Verlag macht mit Maestros Himmel- und Höllenfahrt ein Frühwerk des seit den 1960er-Jahren in der DDR und auch nach der Wende sehr erfolgreichen Schriftstellers zugänglich. Ein wunderbarer Anstoß, diesen Autor (wieder) zu entdecken.
Eberhard Hilscher
Maestros Himmel- und Höllenfahrt. Szenen um Robert Schumann
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Volker Oesterreich
Flur Verlag, Heidelberg, 2026
Hardcover, 384 S. 19 s/w-Abbildungen, 13 Farbabbildungen
ISBN 978-3-98965-104-3, 28 Euro
Danke für das Rezensionsexemplar an den Verlag.